Wenn mir die gesunde Life-Balance abhanden kommt…

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Gemütliche Lesezeit ca. 9 Minuten.

…sehne ich mich nach einem Ort ohne Stress und Alltagshektik.

Die letzten Wochen hat mich unser Startup-Aufbau jede Menge Energie, Zeit und Nervenmaterial gekostet. Und ich muss zugeben, dass ich mich des Öfteren nach einem simplen Ort in der Natur sehne, wo es weder Strom noch Internet gibt, mein Laptop ausgeschalten bleibt und mein Telefon keinen Laut von sich gibt; einen Ort, an dem ich mich zurückziehen kann, um mal für eine gewisse Zeit alles hinter mich zu lassen.

Mit Youbeee möchten wir unseren Kunden genau das ermöglichen, Orte bieten, an denen Stress und Alltagshektik keinen Platz haben. Ich selbst möchte als Vorbild dienen, vorzeigen, dass es möglich ist, in einer gesunden Life-Balance zu leben. Zugegeben, ganz schaffe ich es nicht. Vor allem in stressigen Zeiten erlaube ich mir nicht immer mich an meinen Ruhe-Oasen zu laben.

Im Moment etwa sind meine Tage ausgefüllt mit stundenlanger Computer-Arbeit, Terminen und Telefonaten. Und wenn ich mich wieder mal bemühen „muss“, um auf Google besser gereiht zu werden oder auf Facebook ausreichend aktiv zu sein, kommt es schon mal vor, dass ich mich megamäßig fremdbestimmt fühle, von Social Media & Co. Es läuft dann nicht ganz so nach meinen Vorstellungen…

Nicht nur, dass ich mich hier und da fremdbestimmt fühle, hinzu kommen auch Schuldgefühle. Etwa, wenn ich mal eine Stunde lang nichts arbeite und stattdessen durch die Stadt laufe, mich zum Lunch treffe oder mit meiner besten Freundin zu lange am Telefon hänge. Selbst das Kochen ist zum Luxus geworden. Meist hab ich einfach keine Zeit oder bin abends zu müde oder zu hungrig, um mich noch an den Herd zu stellen.

Das Wehmütigste im Moment aber ist, dass ich mir kaum noch Zeit nehme meinen Hobbys nachzugehen. Etwa wieder mal zu malen – sehne ich mich doch so nach einer großen Leinwand, Farben und dem freien Spiel damit -, eine Yoga-Klasse zu besuchen oder eine Fahrrad-Tour zu unternehmen oder einfach meinen Gedanken ganz frei nachzuhängen und inspirierende Gespräche mit Gleichgesinnten zu führen. Wie sehr würden mich diese Freizeitaktivitäten erden und mit Energie auftanken. Wie wenig gebe ich ihnen dann schon mal Raum! Wäre ich doch wissentlich viel produktiver und ausgeglichener würde ich sie mir gönnen.

Und, sind es ja erst wenige Jahre her, dass ich am eigenen Leib erlebt habe, was es heißt, ausgebrannt, versteinert und gelähmt zu sein. In einem Körper zu stecken dessen Batterien vollkommen leer sind und der kaum noch fühlt. Ein Körper, der sich nach nichts mehr sehnt, der keinen Wunsch mehr hat – außer dem einen: Nichts tun und sein zu „MÜSSEN“… Und eines ist klar, das hab ich ganz feste mit mir selbst vereinbart: In diesen Zustand will ich bestimmt nicht mehr gelangen.

Wie also nun ein Vorbild sein für all jene die nach einer Auszeit, Entschleunigung oder Neuorientierung suchen? Wenn mir mein Umfeld schon mal vermittelt, dass es notwendig sei beim Aufbau eines Unternehmens, stets mehr als 100% zu geben. Wie geht sich das rein mathematisch eigentlich aus und wie soll das überhaupt möglich sein, ohne auszubrennen? Haben die richtigen Entscheidungen möglicherweise gar nichts mit Mathematik zu tun? Und dehnt sich die Zeit vielleicht aus, wenn ich mich entspanne? Liegt die Kraft etwa in der Ruhe?

Ganz spannend sind die Momente, in denen ich es eilig habe, etwa auf den Zug zu gehen oder jemanden zu treffen. Ich habe an mir beobachtet, dass wenn ich mich hetze und schnell schnell mache, ich in der Regel langsamer bin, als wenn ich Ruhe bewahre und mich entspannt auf den Weg mache. In der Hektik vergesse ich oft etwas zu Hause, wie Schlüssel oder Handy, laufe dann nochmals zurück, stolpere schon mal über meine eigenen Beine oder ziehe mir die Jacke im Gehen an… Das alles ist mit enormen Verzögerungen verbunden und braucht wahnsinnig viel Energie. Da ist es schon sinnvoller und zeitsparender mir in der Ruhe die Jacke anzuziehen, nochmals den Inhalt meiner Tasche zu prüfen und dann entspannt loszugehen. Versuch es mal, es klingt verrückt, aber es klappt!

Ja, und wie ist das eigentlich mit dieser inneren wohlwollenden Stimme? Soll ich ihr nun folgen? Diese Stimme, die mich eh schon seit geraumer Zeit sehr deutlich ermahnt? Kann ich ihr vertrauen? Soll ich der Pass-auf-dich-auf-Intuition mehr Gewicht geben als den Erwartungen meines Umfelds? Ja, so einfach ist das gar nicht zu entscheiden, mit all dem Ballast, den ich aus meiner Vergangenheit mit mir herumschleppe. Und der immer genau dann heraufschwappt, wenn ich denke, kurz vor einem Erleuchtungsmoment zu sein! Ja, und da sind ja noch diese Glaubensätze, wie „Sei stets ein braves Mädchen“ und „Mach es allen recht“, die ich zwar nicht liebe aber doch so vertraut sind. Aber ist mir ein Mehr an Lebensfreude auch wirklich sicher, wenn ich sie aufgebe? Kann mir diese Frage bitte jemand beantworten?

Kennst du diese Gedanken? Spreche ich etwas Vertrautes an? Geht es dir schon mal ähnlich?

Niemand anders ist mir näher, vertrauter, als ich selbst. Niemand anders kann mir mehr Lebensfreude schenken, als ich selbst. Warum also nicht dieser inneren wohlwollenden Stimme vertrauen, und mal gegen den Strom schwimmen und aus dem Kreis tanzen. So oft schon hab ich es versucht, so oft schon hat es mein Leben in eine positive Richtung gelenkt. Denn, eines ist gewiss, ich entscheide stets selbst, wie ich mein Leben lebe, was mein nächster Schritt ist, und, ob ich den Erwartungen der Gesellschaft dienen möchte oder nicht. Niemand sonst auf dieser Welt kann es für mich tun. Und es ist nicht gut so, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe? Denn es geht hier ja um mich, um mein Leben. Und vielleicht hab ich nur das eine. Was wissen wir schon! Also ist es doch die viel bessere und klügere Strategie, mein Leben so zu gestalten, dass ich mich einerseits gut entfalte, mein Potential lebe und es mir andererseits gut gehen lasse und auf mich aufpasse und vor allem die Notsignale wahr- und ernst nehme. Meine Freundschaften und Hobbys pflege, regelmäßig Pausen mache, meine Ruheoasen aufsuche. Und zwar ganz ohne schlechtem Gewissen.

Apropos Pause machen: Kürzlich bin ich von Athen nach Wien geflogen. Im Landeanflug musste ich meinen Laptop schließen. Herrlich, denn ich durfte, NEIN, war förmlich gezwungen dazu, eine Pause zu machen. Und zwar mal, eine ganz ohne schlechtem Gewissen. Dies wurde einer von jenen wichtigen Momenten der Selbstbeobachtung. Was mach ich nun? Mir fiel mein Notizbuch ein. Hier könnte ich die nächsten „Tasks“ oder Strategien skizzieren. Ich holte es hervor. Fühlte mich aber unwohl und gerade auch etwas müde. Ich machte also für einige Minuten gar nix, blickte bloß ins Leere. Und urplötzlich hatte ich das Verlangen über mich selbst zu schreiben und habe begonnen diesen Blog-Eintrag zu verfassen. Es sprudelte nur so aus mir heraus und alles von Innen drängte sich nach Außen aufs Blatt. Ein wahrer Kreativitäts-Schub! Ich ließ es zu und merkte, wie ich mich mehr und mehr entspannte. Wie ich mehr und mehr Erleichterung durch das Schreiben empfand. Loslassen konnte von meinen Schuldgefühlen und mir wieder einmal bewusst wurde, wie wichtig Pausen sind, aber auch die nötige Distanz zu meinen vermeintlichen Problemen. Und ich spürte plötzlich ganz viel Mut und den Wunsch, diese Zeilen mit dir zu teilen…

…achja, mein Herz lacht soeben, denn ich packe gerade meine Malsachen zusammen, um mich mit meinen Kunsttherapie-Kolleginnen zu einem freien Malabend zu treffen! So einfach geht’s! 🙂

Titelbild: „Alice in Gatcha Land (cont’d)“ © Nebraska Oddfish via flickr.com CC BY 2.0

2 Wortmeldungen

  1. Katrin Tschürtz
    Katrin

    lieber Patrik, ich bin berührt von deinen Worten und deiner Offenheit, hier über deine Erfahrungen zu schreiben. Vor allem freut es mich, dass du durch meinen Beitrag auch selbst ins freie Sprudeln gekommen bist. Herrlich! Danke nochmals fürs Teilen und Mutmachen! Alles Liebe, katrin

    Antworten
  2. Patrik

    Hallo Katrin

    Dein Beitrag zur gesunden Life-Balance habe ich genüsslich gelesen. Er ist so offen und frei geschrieben und man spürt wahrhaftig, dass Du Deine eigenen Gefühle und Gedanken sprudeln lässt. Du sprichst offen über Erfahrungen, die Dich geprägt haben und lehrreich sind, selbst wenn Du sie verständlicherweise nicht nochmals durchleben möchtest. Das braucht Mut. Herzliche Gratulation! Auch zu eurem Start-up. Sascha und Du Ihr macht das wirklich toll mit Eurer neuen Ausrichtung und Youbeee. Einige Texte zu lesen oder die „Neuorientierer“ filmisch zu begleiten, ist für mich jeweils eine wunderbare, kleine Auszeit von meinem Alltag. Gerade Bruno’s Velo-Reise verfolge ich gerne und darf sagen, dass Du das Interview in Wien professionell geführt hast und dabei wunderbar aussiehst.

    In Deinem Blog-Beitrag erwähnst Du Schuldgefühle, sobald du mal nicht arbeitest bzw. am Laptop sitzt sowie das Gefühl des Fremdbestimmt seins. Dieselben Gefühle hatte ich vor eineinhalb Jahren. Allerdings nicht während einer Phase hoher Arbeitsbelastung, sondern ganz im Gegenteil während einer Phase der Stellensuche. Während meiner 25 Arbeitsjahre hatte ich zuvor schon zwei, drei Mal eine Stelle gekündigt, um eine Auszeit zu nehmen. Die halbjährige Reise nach Nordamerika gehört heute genauso zu meinen prägenden Lebenserinnerungen wie die 4 Lebensjahre in Südamerika. Nach jeder Auszeit fand ich jeweils innert dreier Monate eine passende neue berufliche Herausforderung. Nur diesmal nicht. Nach den geplanten Städtereisen in Europa dauerte die Stellenfindung länger als erwartet und damit machten sich Stressoren bemerkbar. Ich entwickelte Schuldgefühle, wenn ich mal nicht Bewerbungen schrieb oder das Internet nach Stellenanzeigen durchforstete. Meine Gedanken drehten sich nur noch um „mich und die Stelle“ – ein stark egozentrischer Blick. Häufig schlief ich kaum und verlor auch einiges an Körpergewicht.

    Was mir half waren Gespräche mit Familienangehörigen und engsten Freunden und insbesondere die Literatur zu Themen wie Sinn & Glück des Lebens sowie Bewusstsein, mentales Verhalten und Geistesschulung (Meditation). Ich verstand, dass inneres Glück erreicht wird über Güte und Liebe zu anderen Menschen und zu sich selbst. So begann ich, mich fünf Stunden wöchentlich ehrenamtlich zu engagieren und täglich 20 Minuten meinen Geist in liebevoller Güte und Mitgefühl zu schulen (Meditation). Für die Stellensuche setzte ich nur noch den halben Tag ein, dafür konzentriert und fokussiert.

    Meine Woche gewann dadurch an Struktur und Abwechslung und schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass das Leben vielfältig ist und sich nicht über eine Arbeit definiert. Ich war dankbarer zu meinen Mitmenschen, bekam Wertschätzung zurück (auch aber nicht nur bei der ehrenamtlichen Tätigkeit) und meine innere Ungeduld legte sich schrittweise. Nach zwei Monaten hatte ich nebeneinander drei Job-Angebote vorliegen. Es schien, als hätte mein geändertes Verhalten dies angezogen…

    Seit nun einem Jahr bin ich sehr zufrieden in meinem neuen Job. Die tägliche Meditation tut mir weiterhin gut und mir werden innere Einstellungen bewusst, die in Kindesjahren geformt wurden, so wie bei Dir „sei ein braves Mädchen“. Früher hätte ich kaum gedacht, dass man trotz (oder gerade wegen?) Verantwortung in Beruf und Familie u.a. sich so ausgeglichen fühlen kann. Natürlich benötigt es die entsprechende Planung, Zeitfenster für Entspannung, Muse und Körperbewegung. Doch es funktioniert.

    So wie Du möchte auch ich diese Situation nicht nochmals durchleben und bin dankbar für die Erfahrung und das Erlernte über Körper und Geist. Hoffentlich können auch weiteren Lesern dieses Blogs diese Erfahrungen nützlich sein. Sascha und Dir wünsche ich weiterhin alles Gute und sende herrliche Sommergrüsse von Ennetbaden nach Wien.

    Patrik

    Antworten

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