30 Jobs in einem Jahr: „Es war mein letzter Versuch, doch noch glücklich zu werden.“

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Was ist meine Berufung? Jannike Stöhr hat mehr getan, als nur diese Frage zu stellen: In einem Jahr hat sie 30 Jobs getestet: unter anderem Architektin, Start-Up-Gründerin und Erzieherin. Das Ergebnis: Ihren Traumjob hat die 29-Jährige nicht gefunden. Dafür etwas viel Besseres.

Sich – wie du – mit 28 Jahren nochmal zu überlegen, was man werden will, scheint etwas spät. Wie kam es dazu?

Über Jahre habe ich mir meine Wünsche erfüllt, von denen ich vermutet habe, sie würden mich glücklich machen. Ich habe aber festgestellt, das tun sie nur ganz kurz und dann bin ich wieder unzufrieden. Ich habe mich gefragt: Wo kann das hinführen? Das kann ja nur dahin führen, dass ich einmal ganz viel habe, ganz viel besitze, ganz viel verdiene, ganz viel arbeite und dann stehe ich am Ende meines Lebens und was dann? Es muss etwas geben, womit ich zufrieden bin. In diesem Moment, jetzt, auf der Stelle. Ich habe viel ausprobiert: Ich habe viele Jobs angenommen, bin ins Ausland gegangen, habe mir viel gekauft, bin viel verreist. Ich habe Sport und Ehrenämter ausprobiert, Sprach- und Kochkurse gemacht, Ratgeber gelesen noch und nöcher, bin den Jakobsweg gepilgert. Und bin trotzdem nicht glücklich geworden. 

Wie kam es zur Entscheidung, auf die Suche nach deinem Traumjob zu gehen?

30 Jobs in einem Jahr, Berufung finden

Jannike Stöhr

Der Schlüsselmoment war, als mein Vater mir gesagt hat, dass er Krebs hat. Es war aus meiner Sicht für ihn nicht vorgesehen, dass er krank werden würde. Nein, er nicht! Da macht man sich Gedanken, liest viel über das Sterben und darüber, was Sterbende bereuen. Ich habe meinen Lebensweg vor mir gesehen und war nicht in der Lage, nach links oder rechts zu denken. Ich wusste, ich musste alles einmal loslassen, um wieder im Kopf klar und frei zu werden. Deshalb habe ich eine 3-jährige Auszeit von meinem Job als Personalistin in einem deutschen Konzern beantragt, ohne zu wissen, was ich machen werde. Vielleicht studieren, eine Weltreise, egal, irgendetwas würde sich finden. Ich habe gespart, meine Wohnung aufgelöst, meinen Besitz verkauft… und habe dann irgendwann einen Ratgeber in die Hände bekommen. Der hat mir die Idee zu meinem Projekt geliefert. 

Jede Woche ein neuer Job: Wie kommt man zu denen und vor allem zu Unternehmen, die sich eine Woche lang über die Schulter schauen zu lassen?

Ich habe mich zuerst mit einer Freundin hingesetzt, gebrainstormt und geschaut, was ich als Kind werden wollte oder mir andere Leute empfohlen haben. So bin ich auf 13 Jobs gekommen. Der Rest lief über persönliche Empfehlung. Ich habe nicht nach Firmen, sondern nach Menschen gesucht. Menschen, die leidenschaftlich in ihrem Beruf sind. Die Leute, die etwas leidenschaftlich machen, geben das auch gern weiter. Die Bereitschaft bei diesen Menschen ist viel höher, jemanden mitzunehmen.

Hast du deinen Traumjob gefunden?

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Jannike Stöhr

Jeder Beruf war gut, weil überraschend und ich konnte viele Vorurteile abbauen.. Ich habe den Traumjob aber nicht gefunden, weil es nicht den EINEN gibt. Für mich am passendsten war Journalistin, weil man sich da mit vielen verschiedenen Themen beschäftigen kann, das mag ich gern, die Abwechslung. Ich habe außerdem meine Liebe zum Schreiben entdeckt. Ich würde aber nicht sagen, das ist der One-and-only-Traumjob für mich.

Du hast einmal gemeint: „Die größte Angst am Anfang war, dass mein Traumjob nicht unter diesen 30 dabei war.“ Bist du jetzt gescheitert?

Nein, grundsätzlich war ich zwar auf der Suche nach der Berufung, habe aber in Wirklichkeit etwas ganz Anderes gesucht. Es war mein letzter Versuch, doch noch glücklich zu werden. Ich habe dann auch etwas viel Besseres bekommen als meinen Traumjob – und das hätte ich mir gar nicht vorstellen können. Dafür bin ich sehr dankbar.

Und was ist das?

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Jannike Stöhr

Es ist schwierig zu beschreiben. Nennen wir es mal das Gefühl für mich selbst, meine Intuition. Mein Bauchgefühl. Das und die Erkenntnis, dass man vieles nicht planen kann. Natürlich habe ich auch Pläne angedacht, aber ob sie so eintreffen, keine Ahnung. Viele Möglichkeiten ergeben sich auch. Es gibt sie immer, aber ich konnte sie eine lange Zeit nicht mehr sehen. Ich habe gelernt, diese wieder wahrzunehmen. Diese Offenheit zu bekommen und das Vertrauen, dass alles richtig werden wird – das ist eine große, große Erleichterung!

Im Februar erscheint dein Buch über das Projekt. Wie geht es beruflich weiter?

Ich habe Ideen. Was tatsächlich davon realisiert wird, das weiß ich nicht. Was schon feststeht ist, dass ich Dezember, Januar, Februar nach Brüssel zurückgehe. Dort mache ich im EU Parlament noch einmal ein längeres Praktikum, weil es so spannend war und ich gern wissen möchte, wie alles funktioniert. Dann kommt das Buch heraus, und ich möchte mich an einer Journalistenschule bewerben… und ein paar andere Ideen habe ich auch. Da muss ich aber noch gucken und sie konkretisieren.

Danke und viel Erfolg dabei!

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