Die Revolution der Empathie

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Empathie und Revolution sind nicht unbedingt zwei Begriffe, die man im selben Satz erwartet. Kann die Sanftheit der Empathie eine revolutionäre Kraft haben? Journalist und Lifestyle-Philosoph Roman Krznaric ist davon überzeugt. Sein erstes Manöver: Das Empathiemuseum.

Empathie ist alles andere als eine nette Idee, vielmehr ist sie feurig und radikal. Davon überzeugt ist Roman Krznaric, Autor vieler Bücher der Kategorie Lifestyle-Philosophie und Gründungsmitglied der Organisation „The School of Life“ in London. Empathie ist sein neuestes „Projekt“, und bestimmt kein weniger ambitiöses. Warum Empathie so wichtig ist und wie man sie lernen kann, hat Krznaric 2014 in einem Buch veröffentlicht, mit dem der Autor auch seine Vision der Empathie-Revolution propagiert.

Sein nächster Streich ist das Museum für Empathie, das noch dieses Jahr als Wandermuseum in London starten soll und das man bald auch virtuell begehen kann. Sinn und Zweck des Projekts ist die Möglichkeit, selbst in die Leben anderer Menschen zu treten. Aber klingt es nicht nach viel Mühe, sich auch noch in die Gefühlswelt anderer Leute hinein zu imaginieren? Haben wir nicht schon genug eigene Sorgen, um uns nun auch noch die anderer Menschen zu Gemüte zu führen?

In die Schuhe von jemandem anderen steigen

Persönliche Erlebnisse und soziale Geschehnisse zeugen vom Gegenteil. Krznaric erzählt dazu gerne die Geschichte von Patricia Moore, ein Musterbeispiel in Sachen radikaler Empathie. Die Designerin hat sich in den 70er Jahren bei ihrem ersten Praktikum so erzürnt, dass Menschen, die mit Arthritis oder anderen Hemmnissen den Alltag bewältigen müssen, in der Designwelt nicht berücksichtigt werden. Sie machte sich daraufhin mit ihren 26 Jahren auf und bewegte sich drei Jahre lang durch 116 nordamerikanische Städte – in spezieller Verkleidung einer etwa 80 jährigen Frau, die Einschränkungen simulierte, mit denen ältere Menschen häufig konfrontiert sind. Mit ihren Recherchen entwickelte Moore mit großem Erfolg zahlreiche barrierefreie Produkte für Menschen jedes Alters.

Eine empathische Geste entzündet ein unbändiges Feuer, das sowohl der Schöpferin als auch vielen anderen Menschen zugutekommt. Krznaric wird es nicht müde, Geschichten wie diese zu erzählen – etwa bei TED Talk oder in diversen Interviews. Der Visionär betont seine Idee der „Outrospektion“, die uns durch das Verstehen anderer Menschen uns selbst näher bringen soll. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Selbstbeobachtung. Nun sei es aber an der Zeit, sich selbst durch Einfühlungsvermögen besser zu verstehen.

Empathie wachrütteln

Roman Krznaric, Philosoph, Wie man die richtige Arbeit für sich findet, Buch

Roman Krznaric  © Kate Raworth

Krznaric erzählt die Geschichten auch, um deutlich zu machen, dass wir grundsätzlich empathisch veranlagte Wesen sind. Wir fühlen uns in unsere Mitmenschen ein, wenn wir ein Geschenk für eine

Freundin kaufen. Auch in politischen Kontexten wird Empathie gezielt eingesetzt, sowie im Hello Peace Projekt – einer Telefonleitung zwischen Palästina und Israel, in der kostenlos Gespräche zwischen zwei Welten geführt werden können. Dennoch: global gesehen leiden wir unter einem Empathie-Verfall. Die Fähigkeit scheint vom Individualismus eingeschläfert worden zu sein und das Team, das sich rund um Krznaric gebildet hat, um das Museum für Empathie ins Leben zu rufen, will genau diese Begabung wieder wachrütteln. Krznaric ist überzeugt, dass Empathie nicht nur zwischen Individuen stattfindet, sondern auch ein kollektives und revolutionäres Potential hat. Allerdings keine institutionelle oder politische Revolution. Empathie ist deshalb so radikal, weil sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen prägt und in Aufruhr bringen kann.

Das Museum bedient sich übrigens bewährter Rezepte wie den Living Books – eine Bibliothek, in der man sich Menschen statt Bücher ausborgen kann, um mit ihnen zu plaudern – oder dem Dialog im Dunkeln. Beides gibt es bereits unter anderem in Wien, Zürich oder Berlin und ist tatsächlich eine bereichernde Erfahrung am eigenen Leib.

 

Glossar

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Empathie ist allgemein die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Einstellungen und Situationen anderer Menschen einzufühlen. Krznaric definiert Empathie in seinem Buch als die Kunst, in die Schuhe von jemand anderem zu steigen, seine Gefühle und Perspektive zu verstehen und dieses Verständnis als Richtlinie für das eigene Handeln zu gebrauchen.

Outrospektion Roman Krznaric verwendet den Begriff der Outrospektion in Opposition zum Begriff der Introspektion – der Selbstbeobachtung. Laut Krznaric war das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Selbstbeobachtung. Als dessen Vorläufer kann bereits Sokrates und der philosophische Slogan „Erkenne dich selbst“ gesehen werden kann. Introspektion soll dabei nicht verabschiedet sondern mit dem Blick nach außen ausbalanciert werden. Die Idee hinter dem Begriff der Outrospektion ist, dass wir uns auch durch andere Menschen und den Blick nach außen selbst erkennen können.

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Titelbild:  „Empathy picture“ © The Shopping Sherpa via flickr.com

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